Corona ohne Ende

Es ist schlimm, was da passiert. Ein Virus sucht die Menschheit heim. Er vernichtet Leben, Existenzen und Hoffnungen. Und insgesamt werden ärmere Länder und ärmere Menschen in reichen Ländern die Hauptopfer sein. Der Zugang zu medizinischer Versorgung und damit die Überlebenschancen hängen für die Betroffenen von der Geldbörse ab. Es schleicht sich ein Gefühl von Ungerechtigkeit ein. Und Leute wie Matthias Horx wagen aus einer fiktiven Zukunft den Blick zurück und sehen in dem Virus einen Sendboten aus der Zukunft, der die drastische Botschaft vermittelt: „Die menschliche Zivilisation ist zu dicht, zu schnell, zu überhitzt geworden. Sie rast zu sehr in eine bestimmte Richtung, in der es keine Zukunft gibt.“ Seine Hoffnung ist, dass das Virus die Menschheit zur Besinnung bringt.

Ist das eine realistische Hoffnung? Seien wir doch ehrlich. Wenn Corona ein rein asiatisches Problem mit abertausenden Toten wäre, würde uns das wenig bewegen. Genauso wenig, wie uns die Tatsache bewegt, dass alle 10 Sekunden ein Kind unter 5 an den Folgen von Hunger stirbt. Genauso wenig wie die Tatsache, dass seit 2014 etwa 20.000 Flüchtlinge im Mittelmeer ersoffen sind. Von der Wertegemeinschaft Europa ist wenig übriggeblieben; zumindest, wenn man mit Werten humanistische Werte meint. Solange Tote in aller Welt der notwendige Kollateralschaden für unseren Konsum und die Anhäufung gigantischer Vermögen sind, scheint das in Ordnung. Wir setzen Grundrechte weitgehend außer Kraft. Europa erzielt Einigkeit nur in der Ablehnung der Opfer. Politische Bewegungen, deren Selbstverständnis sich vorrangig aus der Ablehnung des Fremden speist, sind auf dem Vormarsch mit ihrem Krieg gegen jede Menschlichkeit. Schauen wir uns die Rüstungsetats in unserer Welt an, sieht man, was wirklich wichtig ist. Die gewalttäige Durchsetzung nationaler Interessen.

Der Tod ist in Europa angekommen …

Was einen großen Teil der Menschheit seit Jahrzehnten betrifft, diese unsichere, perspektivlose Zukunft mit dem überall lauernden Tod, ist in Europa angekommen. Wir können in den Medien verfolgen, wie Regionen die Beseitigung der Leichen ihrer Liebsten nicht mehr in den Griff bekommen. Das erleben wir tatsächlich mitten in Europa nicht jedes Jahr. Gleichzeitig wird immer noch an anderen Orten über Corona-Hysterie und von Ausmaßen einer normalen Grippe schwadroniert. Das Virus trifft weite Teile Europas völlig unvorbereitet. Die europäischen Institutionen erweisen sich als zahnlose Tiger, es ist die Stunde des Nationalismus und des hemmungslosen Egoismus.

… und wird auch in Deutschland wüten

In unserm Land sind die Todesraten derzeit verblüffend niedrig. Aber täuschen wir uns nicht. Im Karneval und den Faschingsferien hat Gevatter Tod vielen Menschen seinen Stempel schon auf die Stirn gedückt und den Tod nach Deutschland gebracht. Das ist noch nicht einmal einen Monat her. Auch wir werden voraussichtlich mit mehr als tausend Todesopfern täglich konfrontiert werden. Nach heutigem Stand sind beispielsweise die Schulen in Baden-Württemberg eben mal seit zwei Wochen geschlossen und die Kontaktsperre gilt seit einer Woche. Und schon wird die Forderung laut, diesen Zustand endlich zu beenden.

Was wir über Corona wissen

Da es sich um einen Virus handelt, der überhaupt erst seit knapp vier Monaten bekannt ist, sind viele Fakten schlichtweg noch nicht genau bekannt und es gibt stark unterschiedliche Aussagen und Untersuchungen. Hauptproblem ist, dass der Infektionsstatus der Bevölkerung in Deutschland unbekannt ist. Vor diesem Hintergrund arbeitet man bei allen Ausbreitungsmodellen und Prognosen mit großen Unsicherheiten, die durch eine unbekannte Dunkelziffer gegeben sind. Dennoch lassen sich aus den bisherigen Verläufen in anderen Ländern gut begründete Abnahmen ableiten.

Der aktuelle Wissensstand, wie er sich heute darstellt und beim Robert-Koch-Institut veröffentlicht ist, geht von einer Zeitdauer zwischen Infektion bis zu ersten Merkmalen von 14 Tagen aus. Nach dem Auftreten der ersten Merkmale sind Erkrankte für weitere 8 Tage ansteckend. Infizierte bleiben im Extremfall somit bis zu 22 Tagen ansteckend. Es ist noch unklar, wie viele Menschen durch Kontakt mit Infizierten selber infiziert werden. Für diese Basisreproduktionszahl scheint ein Wert von 3 halbwegs realistisch. Bei bis zu 80% der infizierten führt das dann tatsächlich auch zu einer Erkrankung. Unklar ist auch, wie viele Erkrankte letztlich an dem Virus sterben. Einerseits hängt das stark vom Alter, von Lebensgewohnheiten und Vorerkrankungen ab, andererseits ist die Dunkelziffer der tatsächlich Infizierten sehr hoch. Leute mit keinen oder geringen Symptomen werden häufig nicht gestestet und als Erkrankte erfasst. Tatsache ist, dass in verschiedenen Regionen die Todesraten so hoch sind, dass die Kapazitäten der lokalen Beerdigungsinstitute schlichtweg übertroffen werden.

Die hauptsächlichen Zielsetzungen aller Maßnahmen sind daher, zunächst einmal dafür zu sorgen, dass nicht mehr etwa drei Personen durch jede einzelne infizierte Person angesteckt werden. Deshalb die Kontaktsperre. Wenn es gelingt, die Basisreproduktionszahl deutlich unter den Wert Eins zu drücken, nimmt die tatsächliche Zahl der Neuinfizierten ab. Das ist hoffentlich seit etwa 7 Tagen der Fall. Gleichzeitig wird die gemessene Anzahl vorläufig schon alleine deshalb steigen, weil zunehmend Tests auf Corona stattfinden, die Dunkelziffer damit sinkt und Neuinfizierte im Mittel erst nach etwa einer Woche Symptome zeigen. Außerdem wird es auch nach der Kontaktsperre weitere Infektionen geben. Leute werden am Arbeitsplatz, beim Einkaufen und im privaten Umfeld angesteckt werden, wenn sie sich nicht strikt an die Hygieneregeln halten. Das Ausmaß dieser Neuinfektionen lässt sich nur schwer abschätzen. Da mit dem Zeitpunkt des Inkraftretens der Kontaktsperre viele Menschen ohne Krankheitsanzeichen bereits infiziert waren, werden die getesteten Neuinfektionen voraussichtlich bis zum Wochenende vom 4. April zunehmen und die Todeszahlen an Ostern ihren Höhepunkt in Deutschland erreichen. Es steht überhaupt noch nicht fest, ob der gewünschte Effekt eintritt oder ob man nicht zu einem vollständigen Herunterfahren nahezu aller gesellschaftlichen Aktivitäten kommen muss. Italien macht es uns vor.

Versäumnisse der Vergangenheit

Die vorprogrammierte Katastrophe

Es war nur eine Frage der Zeit, dass eine derartige Epidemie auftritt. Genau genommen können wir froh sein, dass zwischen Infektion und Krankheitssymptomen im Mittel nur 5-6 Tage und nicht 5-6 Wochen liegen. Ebenso ist es ein Glücksfall, dass die Todesrate nicht 10 Mal höher ist. Alles, wofür es eine Wahrscheinlichkeit gibt, wird früher oder später passieren. Wir leben mit dem Risiko und können uns nur bemühen, es möglichst gering zu halten.

Versäumte Handlungsmöglichkeiten

Man stelle sich einfach vor, die Politik hätte schnell und vorsichtig agiert. Reiseverbote, weitgehende Schließung der außereuropäischen Grenzen für den Personenverkehr und Präventionsquarantäne für Einreisende aus Infektionsgebieten. Massenveranstaltungen wie Sportveranstaltungen, Fußballspiele und Karneval wären seit Februar verboten. Auslandsreisen ebenso.

Die Politik hat die Wahl zwischen abgewählt werden und zu spät reagieren.

Wenn man kostenintensive Vorbereitungsmaßnahmen getroffen hätte, wie Bevorratung von Medikamenten, Desinfektionsmitteln, Schutzkleidung, Krankenhausbetten und Beatmungsgeräten, würde man heute nicht so unter Druck stehen. Aber all das hätte Geld gekostet, welches wegen der reinen Erwartung einer Pandemie niemand hätte ausgeben wollen.

Alle PolikerInnen, die so etwas vorgeschlagen hätten, wären für verrückt gehalten worden. Und dann wäre wegen der Maßnahmen ja auch nichts passiert. Man stelle sich das einfach mal vor.

Und deshalb fehlt es heute an allen Ecken und Enden.

Die jetzige Kontaktsperre dient besonders Menschen, die einer stark erhöhten Sterblichkeit infolge einer Infektion ausgesetzt sind. Ein großer Teil der Bevölkerung wird ansonsten sehr schnell seine Eltern und Großeltern verlieren. Annähernd jede Familie hätte Todesfälle zu betrauern. Und nicht nur das. Wir müssten dabei zuschauen, wie sie ohne lebensrettende Maßnahmen bleiben und mangels Beatmungsmöglichkeiten sterben. Die Hoffnung ist, dass wir eben nicht zu spät dran sind.

Sind Pandemien abwendbar

Ein großer Teil der Menschen ist zu nachhaltigem Handeln intellektuell und wirtschaftlich nicht fähig. Ohne aktute Not werden wir eingeübte Verhaltensweisen nicht ändern und liebgewonnene Gewohnheiten nicht ablegen. Quer durch alle Bevölkerungsschichten ist dies umso stärker ausgeprägt, je älter Menschen werden. Wir sind es gewohnt, wider besseren Wissens zu handeln, riskieren täglich unsere eigene Gesundheit und selbst die unserer Liebsten. Die abstrusesten Argumente und Verschwörungstheorien werden aus dem Hut gezaubert und zu Fakten umgedeutet – nur, um unser Verhalten nicht ändern zu müssen. Wer kennt nicht den Opa, der seit seinem 15-ten Lebensjahr täglich zwei Schachteln Rot-Händle gequarzt hat und trotzdem bei bester Gesundheit 95 Jahre alt geworden ist. Und pensionierte Lungenärzte.

Die Profiteure derartig schädlicher Konsumgewohnheiten tragen das Ihrige zu derartigen Fehlinformationen bei. Sie finanzieren ThinkTanks, kaufen Experten, betreiben Lobbyarbeit, schmieren Entscheider und Entscheidungsgremien weltweit, verschleiern, täuschen, tricksen und investieren in ihre künftigen Gewinne viel Geld. Werbekampagnen in Medien tragen zur Desinformation der Öffentlichkeit bei, sähen Zweifel und unterminieren das Vertrauen in demokratisch gewählte Vetreter. Sie ändern dadurch politische Mehrheiten zu ihren Gunsten. Sie sind die eigentliche Pest unserer Zeit.

Europäisches Versagen

Es ist richtig, dass die europäischen Institutionen versagt haben. Woran liegt das eigentlich? Europa ist mittlerweile lediglich der Ort, nationale Interessen ohne Rücksicht auf Verluste europaweit durchzusetzen und der Geldtopf, an dem man man sich möglichst eigennützig bedient. Europäische Verpflichtungen annehmen? Weitgehend Ebbe. Europäische Nationen plündern Europa, organisieren die Umverteilung von Geld und pflegen den Eindruck in ihren Bevölkerungen, dass alles, was schief läuft seinen Grund bei der EU hat. Es gibt kein gemeinsames Interesse an einem schlagkräftigen, entscheidungsfähigen Europa. So ein Europa ist überflüssig und nutzt letztlich den Menschen nicht mehr. Nur die Profiteure aus der Schattenwelt machen dabei ihren Reibach.

Und manche PolitikerInnen lassen sich da mitunter allzu bereitwillig instrumentalisieren. Es ist kaum möglich gegen diese geballte Kapitalmacht zu handeln. Darüber sollten die nationalen Führungseliten mal nachdenken und im Sinne ihrer Bürgerinnen und Bürger dieser Medusa alle Köpfe abschlagen. Sie schaden sonst ihren Nationen erheblich.

Und wer erwartet eigentlich handlungsfähige und schlagkräftige europäische Institutionen, wenn jeder Provinzfürst das gemeinsame Vorankommen behindern kann.

Entrystrategien

Aktuell nimmt die Zahl der Coronatoten täglich um etwa 30% zu. Wenn das so bleibt, werden wir bis Ostern in etwa 15.000 Tote zu verzeichnen haben. Selbst, wenn die derzeit ergiffenen Maßnahmen erfolgreich sind, sollten wir, bevor wir uns Exitstrategien überlegen, lieber intensiv darüber nachdenken, wie wir einen Neuausbruch verhindern. Nehmen wir beispielsweise die Schulen. Die Hygieneerziehung ist schlecht und die nötigen Infrastrukturen oftmals nicht oder kaum vorhanden. Bei manchen Eltern und LehrerInnen ist Hygiene kaum ein Thema. Kinder und Jugendliche lernen und üben daher nicht frühzeitig elementare Hygieneregeln. Betrachtet man beispielsweise die Schultoiletten, so stellt man fest, dass es meist keine anständigen Seifen- und Desinfektionsmittelspender gibt. Der Reinigungszustand der sanitären Einrichtungen ist oftmals miserabel. Generell werden die Klassenräume nicht mehr täglich gereinigt und erst recht keine Oberflächen desinfiziert. Eltern schicken kranke, oft verrotzte Kinder zur Schule. Krankheitsbedingte Ausfälle bei der Lehrerschaft führen zu absolut überfüllten Klassenzimmern. Wir sollten uns daher lieber über Entry-Strategien für die unterschiedlichsten Lebensbereiche Gedanken machen. „Wie versetzen wir Schulen einen Zustand, der die Einhaltung von Hygieneregeln ermöglicht und unterstützt?“ Es gab gute Gründe, Schulen und Universitäten schnell zu schließen. Es gibt gute Gründe, sie in Zeiten einer Epidemie nicht wieder zu öffnen.

Katastrophen sind bei unserem Lebensstil unvermeidbar

Es gibt eine Menge möglicher, katastrophaler Szenarien, die man sich ausmalen kann. Asteroiden, die Umpolung des Erdmagnetfeldes, gigantische Sonnenstürme und viele mehr. Wir sollten uns auf die konzentrieren, die wir selber verursachen und auf die wir unmittelbaren Einfluss haben. Letztlich haben wir nur wenige Optionen:

  • Wir ändern unser Art zu leben und bemühen uns nach Kräften die Ausbreitung von Pandemien oder anderen Katastrophen schon im Ansatz zu verhindern.
  • Wir akzeptieren das Risiko und lernen besser mit Katastrophen umzugehen.
  • Wir ändern nichts und leben von der Hoffnung.

Und während wir uns nach dieser Pandemie mit diesen Optionen auseinander setzen, werden wir wohl auf die nächste Katastrophe warten. Die nächste kommt bestimmt. Spätestens, wenn uns die Klimawende erwischt. Aber auch die halten viele Menschen für reine Hysterie.

Und falsch ist am Bild von Matthias Horx vermutlich, dass er im September 2020 in einem Straßenkaffee in einer Großstadt sitzt. Meine Vermutung ist da düsterer. Wir erwarten dann eher die zweite Welle. Und nach der Pandemie werden die Reichen reicher, die Armen ärmer und ganze Staaten pleite sein. Und viele der Notmaßnahmen von heute werden sich nicht mehr rückgängig machen lassen. Das ist wie mit dem Solidaritätszuschlag. Einmal da, immer da.

Rüdiger Kladt

Ich werbe für eine innovative, vorwärts gewandte, weltoffene und tolerante Politik, die sich an humanistischen Grundsätzen orientiert. Es ist nicht leicht, die dafür notwendigen politischen Mehrheiten zu überzeugen. Und viele Kompromisse sind lediglich ein Schritt in die richtige Richtung.

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